Der Lauf der Dinge
Oder: Wie es zur Diskussion zwischen Uni-Leitung
und Studis auf der Kreuzung kam
10:00
Neue Aula: 2500 SchülerInnen und Studierende
10:25
Demozug setzt sich in Bewegung (im hinteren Teil nur vereinzelte, zaghafte Parolen)
ca. 11:00
Eine Gruppe von Studierenden setzt sich spontan auf die Kreuzung an der Kelternstraße und ruft „Hinsetzen!“. Viele folgen dem Aufruf und skandieren: „Bildung für alle und zwar umsonst!“ sowie: „Wir sind hier, wir sind laut, weil ihr uns die Bildung klaut.“
Vereinzelt wird auch „Hoch die internationale Solidarität“ und „Anti-Capitalista“ gerufen, mehr Zuspruch findet jedoch „Studiengebühr, Du Arschgeschwür“, „Hoch, die bildungsnahe Solidarität“ oder „Wir wolln’ studiern ohne Gebührn’!“
Es werden immer mehr Studierende (ca. 100) – die Polizei gibt nach und sperrt den Zugang der Kelternstraße zum Stadtgraben vollständig ab.
„Wir sind friedlich, was seid ihr?“ und „Keine Gewalt“ wird gerufen, als die Polizei erfolgreich versucht einen Mercedes Benz durchzuschleusen, indem sie Sitzstreikende von der Straße zerrt.
Einem Aktivisten, dessen Personalien bereits durch andere hochschulpolitische Aktionen bekannt sind, werden von Ordnungsamt und Polizei Anzeigen angedroht.
Nachdem auf dem Holzmarkt die offizielle Demo beendet wurde, strömt den Streikenden weitere Unterstützung zu. Mit ca. 200 Menschen gelingt es nun auch den Stadtgraben auf der anderen Seite durch Sitzblockaden völlig zu blockieren.
ca. 12:00
Um ein noch stärkeres Zeichen zu setzen, schlagen einige der AktivistInnen vor den Sitzstreik auf die Wilhelmstraße zu verlagern. Anderen erscheint es jedoch zu riskant, da ein Ortswechsel auch eine Auflösung der Blockade zur Folge haben könnte. Doch diese Befürchtung beweist sich als unbegründet, der Wechsel gelingt: Die Streikenden laufen in einem großen Pulk mit Gejohle und Geschrei zum Lustnauer Tor und besetzen es. Zeitweise solidarisieren sich die dort arbeitenden Bauarbeiter durch lautes Hupen mit den Streikenden.
13:00
Da das Bildungsstreik-Team am Tag zuvor einen Termin mit Rektor Engler vereinbart hatte, zieht ein Teil der Streikenden in den Großen Senat der Neuen Aula, während die anderen am Lustnauer Tor weiter blockieren. Das „Gespräch“ mit dem Rektorat wird von den Anwesenden unterschiedlich empfunden. Einige finden das Rektorat durchaus entgegenkommend und die Atmosphäre konstruktiv, anderen gehen der Monolog des Rektors, der lediglich durch kurze Zwischenrufe oder kurze Beiträge der Studierenden unterbrochen wird, längst nicht weit genug. Ein Aktivist äußerst später: „Sobald wir in geschlossenen Räumen sitzen, hat das Rektorat einen zusätzlichen Heimvorteil.“ Nach der aufgeheizten und euphorischen Stimmung auf der Straße, herrscht im Saal schlagartig Vorlesungscharakter, sprich Mattigkeit und Ernüchterung.
Neben den Forderungen des Bildungsstreikteams, denen das Rektorat in Teilen zwar zustimmt, die es jedoch nicht unterschreiben will, geht es u.a. um Drittmittel, Wettbewerb, Selektionsmechanismen, Englers Polemik von einem „20-Semester-Studium“ und den Unterschied zwischen Bildung und Ausbildung.
ca. 13:45
Nachdem Engler einen Anruf vom Oberbürgermeister Boris Palmer bekommt, der ihn bittet, ihm zu helfen den Sitzstreik zu beenden, entschließen sich die Anwesenden inklusive Rektorat zum Lustnauer Tor zu gehen. Als Vermittler zwischen OB /Rektorat und den Streikenden wird Henning Zierock von der Gesellschaft “Kultur des Friedens” eingesetzt, der verschiedene Vorschläge zum weiteren Verfahren (Die Kreuzung weiter blockieren und dort weiterdiskutieren oder auf den Geschwister-Scholl-Platz ausweichen und die Diskussoin dort weiter fortsetzen) sammelt und zur Abstimmung bringt. Nachdem sich eine Mehrheit per Handzeichen für den Verbleib auf der Kreuzung ausspricht, wird eine Spaltung der Streikenden verhindert, als auch die unterlegene Minderheit das Abstimmungsergebnis akzeptiert.
Engler und der Rest des Rektorats geben nach (während Palmer bis kurz vor Schluss verschwindet) und stehen für eine Diskussion, in der diesmal auf gleichlange Redebeiträge geachtet wird, zur Verfügung.
Forderungen der Streikenden in der Diskussion:
- „Studiengebühren sind Zulassungsbeschränkungen für bestimmte soziale Schichten.“
(Engler spricht sich daraufhin grundsätzlich für Studiengebühren aus.) - „Nicht nur eine verfasste Studierendenschaft ist notwendig, sondern die Uni als Ort der politischen Öffentlichkeit wird gefordert. Studierenden, die sich engagieren, dürfen keine Steine in den Weg gelegt werden.“
- „Der Bachelor lässt keinen Platz mehr für kritisches Nachdenken und für politisches Engagement.“
- „Engler soll die Forderungen der Studierenden vertreten und die für ihn anscheinend ebenfalls erkannten Missstände zu den Verantwortlichen tragen, da er ein stärkeres Gewicht hat.“
- „Man darf sich in Diskussionen nicht auf Sachzwänge einlassen, sonst verliert man.“
Desweiteren wird auch ein kostenloses NALDO-Ticket für Studierende eingefordert.
16:00
Der Akku vom Mikro gibt seinen Geist auf. Die DemonstrantInnen halten sich an ihr Versprechen und geben die Straße wieder frei. Doch der Aufruf weiter zu machen und den Protest nicht aufzugeben findet große Zustimmung und Beifall.

Toll. Der Kampf geht weiter.
Im Vorfeld hieß es zwar die Demo sei politisch neutral, aber dem war natürlich nicht so. Der harte, polizeibekannte, nie an der Uni gesehene, aber seit 20 Semestern eingeschriebene Kern, konnte seine anarchistischen und kommunistischen Parolen einfach nicht lassen. Was das mit Bildung zu tun hat, war dann doch den meisten ein Rätsel. Oder wollten die Herrschaften einfach nur zeigen, wie schlecht es um ihre Bildung bestellt ist?
Die uneingeschränkte Solidarität der Mitdemonstranten wurde dann vollends gewonnen, als die besagte Gruppe von Möchtegern-Guevaras den Tübinger Busverkehr für Stunden lahm gelegt hat. Mit dieser heldenhaften, solidarischen Tat wurden genau die richtigen getroffen: Mitstudenten, Rentner, Schulklassen, Kindergartengruppen, Angestellte und Arbeiter. Diese lobenswerte, konstruktive Heransgehensweise wurde auch in der anschließenden Diskussion mit den Herren Palmer und Engler deutlich: “Komm Engler verpiss dich” und “Wir brauchen keinen Staat – Anarchie, Anarchie.” Das kam bei den Mitstudenten und in den Medien total an und deshalb seit ihr auch so erfolgreich. Also Glückwunsch und weiter so.
Dass die Demo politisch neutral sei hat eigentlich nie jemand behauptet. Richtig ist, dass es keine explizite Demo irgendeines “politischen Lagers” gewesen ist.
Sobald eine Demo versucht politische Inhalte zu transportieren oder Forderungen aufzustellen, ist es natürlich eine “politische” Demo. Alles andere wäre ja albern.
Ansonsten würde ich doch unterscheiden wollen zwischen der vom Bündnis organisierten und durchgeführten Demonstration und der anschließenden Dynamik, die mit der Besetzung an der Kelter angefangen hat und dann nur noch von einem einzigen “offiziellen” Programmpunkt unterbrochen worden ist: der Diskussion mit dem Rektor im großen Senat.
Dass die Besetzung aus Sicht vieler Menschen im Bildungsstreik-Bündnis eine gute Sache gewesen ist, weil nur so die Medienaufmerksamkeit erreicht werden konnte, die den Protesten zuteil geworden ist, ist eine andere Sache. Aber organisiert war es nicht.
Insbesondere die Situation am Lustnauer Tor verlief ohne irgendeine Einmischung von Seiten des Bündnisses. Die Demonstrierenden haben den Ablauf dort selbst in die Hand genommen und in ihrem Sinne gestaltet. Wer das anders hätte gestalten wollen, der hätte sich ja einbringen und mitdiskutieren können.
Die Äußerungen in Bezug auf Engler und Palmer stellen Einzelmeinungen dar, die ich so z.B. nicht gehört habe und die auch sicher nicht in dieser Form “vom Bündnis” getroffen worden wären. Wenn man einen Protest diskreditieren will, indem man jede Einzelmeinung die dort von irgendwem geäußert wird je nach Gusto “dem Bündnis” zuschreibt, hat man natürlich leichtes Spiel.
Weitere Kommentare spar ich mir, ich kann Deine Charakterisierung der Demonstrierenden nicht teilen.
Zu Katis Post:
Erstmal hätte ich gerne gewusst, wie du dir denn eine “politisch neutrale” Demo vorstellst – so ganz ohne Forderungen, Programm und Parteinahme? Das ist vielleicht denkbar im Luftleeren Raum, nicht aber in einer Klassengesellschaft, in der wir Leben, auf Gedeih und Verderb, wie vielleicht auch dir zu Bewusstsein gekommen sein mag; einer Klassengesellschaft, in der sich Interessen antagonistisch gegenüberstehen, in der eine Minderheit die große Mehrheit zu ihrem Vorteil ausbeutet und unterdrückt und in der die Bildung immer deutlicher als Barriere fungiert, die die Abgrenzung der Klassen voneinander vorantreibt, die Gesellschaft aufspaltet in jene, die Zugang zur knappen Ressource haben und solche, denen dieser Zugang verwehrt bleibt.
Privilegien werden nicht verschenkt, sie werden von den einen verteidigt und von den anderen erkämpft!
Abgesehen von deinem reichlich weltfremden Verständnis von Protest und Politik möchte ich noch gerne auf deine klischeebeladene Beschreibung der, natürlich einheitlich und unterschiedslos als “anarchistisch und kommunistisch”, als “Möchtegern-Guevaras” diffamierten Aktivisten und Aktivistinnen eingehen. Ich erspare mir an dieser Stelle den pädagogischen Erguss, möchte aber dennoch ein Paar Kleinigkeiten richtig stellen, zumal ich mich selbst zu der von dir so verschrieenen Gruppe zähle.
Ich selbst, sowie die Gruppe, mit der ich an der Demo teilgenommen habe, sind allesamt reguläre Studenten an der Uni-Tübingen, vom Erstsemester bis zum Doktoranden, und es ist deinerseits mehr als arrogant, uns unsere kommunistische Überzeugung als Symptom mangelnder Bildung vorzuwerfen – und das auf einer Demonstration, auf der auch du dich gegen eben diesen Mangel stark zu machen vorgibst. Ist dir übrigens aufgefallen, dass du mit deiner kindischen “20 Semester” Stereotype genau Englers Argumentation übernommen hast?
Zum Schluß noch eins: Ich hoffe du bist dir darüber im Klaren, dass ohne die erfolgreichen Blockade- und Besetzungsaktionen nie die selbe mediale Aufmerkamkeit und auch nicht die selbe Gesprächs- und Konfliktbereitschaft erreicht worden wäre – von der Motivation für zukünftige kämpferische Aktionen ganz zu schweigen. Und besagte Aktionen wurden, wie oben schon ganz richtig bemerkt, nicht von den Organisatoren des Bildungsstreiks initiiert, sondern durch das bewusste und organisierte Handeln jener dir so verhassten politischen Gruppen möglich gemacht.
200 Studenten vom 22000 Studenten an der Uni Tübingen?
Viel Solidarität scheint ihr ja irgendwie nicht zu haben in Tübingen. Vielleicht solltet ihr euch einmal Gedanken machen, ob eure Meinung die der Mehrheit der Studierenden überhaupt reflektiert, oder ob ihr hier nur eine alleingelassene Meinung einer kleinen, um Aufmerksamkeit kämpfenden Gruppe repräsentiert.
Viel Erfolg trotzdem noch aber eine Bitte noch: Tut es nicht euren Wiener Kollegen gleich und nehmt den Hörsaal auseinander;-)
ich finde eure aktionen bundesweit richtig gut.gerade kam in den nachrichten tagesschau. daß tübingen die einzigste uni bundesweit sei, die die polizei geholt habe. die sollten sich was schämen die herren politiker und professoren euch da so auf die wartespur zu schieben. für ALLES ist geld da, nur nicht für Bildung, Kinder- und Jugendprojekte, Kitas und schulen. Ich beobachte das als mutter seit über 30 Jahren nun, daß die bedingungen immer besch… werden und studium allmählich zum Dingder Kinder besserverdienender Eltern wird. Das ist eine Sauerei sondergleichen
macht weiter so, laßt euch nicht mehr auf die lange rolle schieben. studium und Bildungschancen für ALLE.
grüsse aus berlin
sommerburg