Forderungen des Bildungsstreiks

Für das Winterhalbjahr hat sich das Tübinger Bildungsstreik-Bündnis neu zusammengesetzt und dafür auch die bisherigen Forderungen überarbeitet und ergänzt.

VOM SCHUL- ZUM BILDUNGSSTREIK
2008 sind beim “Schulstreik” zum ersten Mal bundesweit Schülerinnen und Schüler gemeinsam auf die Straße gegangen um gegen die vielfältigen Probleme im deutschen Bildungswesen zu demonstrieren.
Im Juni 2009 hat sich die Masse der Protestierenden auf 270.000 ausgeweitet. Durch den Zusammenschluss von SchülerInnen, Studierenden und Auszubildenden haben wir bundesweit deutlich gemacht, dass die Missstände im Bildungssystem nicht mehr weiter hingenommen werden!

Nach dem großen Anklang in den Medien und in der Öffentlichkeit wollen wir nun mit dem Bildungsstreik im Winter an die bisherigen Entwicklungen anknüpfen. Denn obwohl unser Protest gezeigt hat, dass die Forderungen des Bildungsstreiks von einer breiten Masse der Bevölkerung getragen werden, hat sich in der Bildungspolitik nichts Grundlegendes verändert.

Mit unserem gemeinsamen Protest wollen wir unsere Kräfte bündeln und zeigen, dass wir trotz teilweise unterschiedlicher Probleme auf das gleiche Ziel hinarbeiten: Ein sozial gerechtes und qualitativ gutes Bildungssystem, das allen offen steht, unabhängig von ihrer sozialen Herkunft oder ihrem finanziellen Hintergrund.

BILDUNGSSTREIK?
Der Bildungsstreik ist ein bundesweiter Protest gegen die konkreten Missstände und strukturellen Probleme unseres Bildungssystems. Die Liste der Betroffenen und UnterstützerInnen ist lang, sie reicht von Studierenden über SchülerInnen und Auszubildende bis hin zu Lehrenden und Kunstschaffenden.

Der bundesweite Aktionstag am 17. November ist der Auftakt zu einem heißen Herbst. Gleichzeitig mit verschiedenen anderen Aktionen im ganzen Land rufen wir in Tübingen zu einer Vollversammlung aller SchülerInnen, Studierenden und Auszubildenden aus der Region auf. Zusammen wollen wir uns darüber klar werden, wie wir praktisch etwas gemeinsam erreichen können.

Forderungen und Selbstverständnis der SchülerInnen
Die Zustände in unserem Schulsystem sind nach wie vor inakzeptabel.
Unsere Schulen sind dominiert von sozialer Selektion, Leistungsdruck und autoritären Strukturen.
Durch das von Konkurrenz geprägte Schulsystem werden SchülerInnen dazu getrieben, gegeneinander, statt miteinander zu lernen. Wer nicht mithalten kann, wird aussortiert, nicht nur in der Schule, sondern auch später im Berufsleben. Darüber hinaus spielen auch Faktoren wie die soziale Herkunft eine Rolle. Finanziell schwächere Familien können beispielsweise kaum Geld für Nachhilfe und Lernmittel aufbringen. Somit sind ihre Kinder im Konkurrenzkampf von Anfang an benachteiligt.

Durch die Verkürzung des Gymnasiums von 9 auf 8 Jahre wird der Leistungsdruck enorm verstärkt.
Die Umstellung auf G8 ist Ausdruck eines Trends, in dem SchülerInnen immer größeren körperlichen und geistigen Belastungen ausgesetzt werden und Schulen zu bloßen Lernfabriken verkommen. Es geht nicht um die SchülerInnen, denn diese sollen so schnell und reibungslos wie möglich für die Wirtschaft bereitgestellt werden.

Da es in diesem System nicht um die Interessen der SchülerInnen geht, sondern die Wirtschaft im Mittelpunkt steht, ist eine Einflussnahme der SchülerInnen auf den Schulalltag nicht vorgesehen.
Das Bemühen der SchülerInnen, mehr Mitbestimmung zu erreichen und an den bestehenden Zuständen etwas zu ändern, wird oft mit Repression geahndet, was selbstbestimmtes Handeln unterdrückt und zu einem Klima der Unzufriedenheit führt.

Deshalb fordern wir

  • die Einführung von Gesamtschulen, in denen SchülerInnen individuell gefördert werden
  • die absolute Lernmittelfreiheit
  • die Abschaffung von autoritären Strukturen und somit mehr Mitbestimmung und mehr Wahlmöglichkeiten für SchülerInnen
  • die Schaffung eines Bildungssystems ohne Leistungsdruck
  • die Abschaffung von G8
  • die Beendigung des Einflusses der Wirtschaft auf die Schulen

Forderungen und Selbstverständnis der Studierenden
Weltweit ist Bildung im Wandel: Elitäre Ideologien drängen eine zur kritischen Reflexion befähigende, gemeinwohlorientierte Bildung immer mehr zurück. Im Zuge dessen wird Bildung den Bedürfnissen des Marktes angepasst und damit selbst mehr und mehr zur Ware. Global sind es die GATS-Verträge, in Europa der Bologna-Prozess, die den Kern dieser Entwicklung bilden.

Unser Bildungsideal sieht anders aus. Daher fordern wir:

die Soziale Öffnung der Hochschulen:

  • den Abbau von Zulassungsbeschränkungen durch den Ausbau von Studienplätzen
  • Master für alle und nicht nur für knapp ein Drittel der Bachelor Studierenden
  • die Abschaffung von Studiengebühren und die gesetzlich verankerte Gebührenfreiheit von Bildung
  • nicht rückzahlungspflichtiges und elternunabhängiges BAFöG


die Abschaffung von Bachelor / Master in der derzeitigen Form:

  • das Ende von Verschulung, Regelstudienzeit und Dauerüberprüfung
  • die Möglichkeit individueller Schwerpunktsetzung im Studium
  • vereinfachte Anerkennung von Studienleistungen beim Hochschulwechsel
  • Abkehr vom Bachelor als Regelabschluss


die Demokratisierung des Bildungssystems:

  • Einführung von verfassten Studierendenschaften mit politischem Mandat und Finanzautonomie auch in Baden-Württemberg und Bayern
  • die Mitbestimmung aller Beteiligten im Bildungssystem, u.a. durch Viertelparität in den Hochschulgremien
  • Geschlechtergerechtigkeit bei der Vergabe von Lehraufträgen, Doktorandenstellen und Professuren


die Verbesserung der Lehr- und Lernbedingungen:

  • die Beendigung prekärer Beschäftigungsverhältnisse in allen Bereichen an Hochschulen und Schulen
  • die Aufstockung des Lehrpersonals auf ein pädagogisch tragbares Niveau und die gezielte Förderung guter Lehre
  • die Förderung aller Studierenden statt einseitiger Elitenbildung
  • keine Vernachlässigung der Lehre zugunsten der Forschung
  • Zulassung und Gleichstellung von gesellschaftkritischer Wissenschaft und Lehre


Keine Ökonomisierung des Bildungssystems:

  • kein Zwang zur Einwerbung von Drittmitteln, sondern ausreichende Finanzierung durch den Staat
  • keine Berücksichtigung von Rankings bei politischen oder finanziellen Entscheidungen an Universitäten
  • kein Sponsoring an Bildungseinrichtungen

Diese Forderungen werden von vielen Menschen geteilt, weil sie uns der Verwirklichung des Menschenrechts auf Bildung näher bringen. Für eine tatsächliche Demokratie ist unsere Forderung nach einem frei zugänglichen, öffentlich finanzierten und emanzipatorisch ausgerichteten Bildungssystem unerlässlich. Derzeit geht es durch die Ökonomisierung der Bildung in eine andere Richtung: Die Hochschulen sind zunehmend abhängig von der Wirtschaft, ihre Funktion in der Gesellschaft hat sich gewandelt. Das ist kein Zufall! Bildung wird den Gesetzen des Marktes unterworfen; Konkurrenz reproduziert soziale Ungleichheit und Verwertungslogik. Um unsere Forderungen durchzusetzen bedarf es daher letztlich gesamtgesellschaftlicher Veränderung.

Da Bildung nicht erst an der Hochschule beginnt, fordern wir darüber hinaus:

  • kostenlose Krippenplätze für alle und eine gerechte Entlohnung von ErzieherInnen

TERMINE

  • Vollversammlung aller SchülerInnen, Studierenden und Auszubildenden
  • Dienstag, 17. November 2009, 16 Uhr vor der Neuen Aula (Geschwister-Scholl-Platz 1 in Tübingen)
  • Landesweite Bildungsstreik-Demo
    Samstag, 21. November, 14:30 Uhr Lautenschlagerstraße (beim Hbf)
  • Aktionswoche vom 29.11. bis zum 04.12. (weitere Infos folgen)

Weitere Termine ergeben sich noch oder sind schon aktuell auf unserer Homepage unter www.tuewas.org zu finden.
BÜNDNIS
Der Bildungsstreik in Tübingen ist ein gemeinsames Bündnis aus vielen Einzelpersonen sowie folgender Tübinger Gruppen: AK “Freie Bildung” der Fachschaften-Vollversammlung, ['solid].SDS Hochschulgruppe, Marxistische Aktion, Grüne Jugend, Juso Hochschulgruppe, Linksjugend ['solid], GEW Hochschulgruppe, ver.di Jugend


WEITERE INFORMATIONEN

Web: www.tuewas.org
Mail: bildungsstreik-tue [at] fsrvv.de
Bildungsstreik-Handy: 0176 – 75 68 28 12
Newsletter zu beziehen über www.tuewas.org

Dieser Text existiert auch als PDF-Dokument:
Forderungen des Tübinger Bildungsstreiks im Winter 2009 (PDF)

6 Kommentare zu „Forderungen des Bildungsstreiks“

  1. Lokalmagazin sagt:

    Unsere Uni – Besetzung dauert an…

    Die StudentInnen halten weiter Treffen im besetzten Kupferbau ab
    Die Besetzung des Hörsaals 25 im Tübinger Kupferbau dauert weiter an. Seit Donnerstag abend halten bis zu 200 Studenten den Hörsaal besetzt und halten dort Diskussion über die deutsche Bi…

  2. Patrick sagt:

    Wird es eig. auch wieder einen Bildungsstreik in RT geben?

  3. Twitgeridoo sagt:

    Sehr gut!

    Ich kann diesen Artikel zu 111% unterschreiben! :)
    (Das passt heute am 11.11. irgendwie so gut…)

    Wir müssen jetzt hart bleiben!

    Viele Grüße aus Bonn,
    Edward

  4. Lokalmagazin sagt:

    BesetzerInnen im Kupferbau mit Räumung gedroht…

    Die BesetzerInnen im HS25 könnten bald der Staatsmacht gegenüberstehen
    Tübingens Uni-Rektor Engler hat den BesetzerInnen im Kupferbau mit der Räumung gedroht. Bei einem Besuch im Kupferbau zusammen mit Tübingens Oberbürgermeister Boris Palmer sagte er,…

  5. Lokalmagazin sagt:

    Kupferbau-Räumungsandrohung besteht weiter…

    Mit mehr als 400 StudentInnen war der Hörsaal 25 voll belegt.
    Am gestrigen Mittwoch Abend fand im Kupferbau das bisher bestbesuchte Plenum der BesetzerInnen statt. Anwesend war neben mehr als 400 Studierenden auch der Rektor der Uni Tübingen, Ber…

  6. Lokalmagazin sagt:

    Kupferbau in Tübingen wurde von der Polizei geräumt…

    In den frühen Morgenstunden des Donnerstag wurde der Tübinger Kupferbau von der Polizei geräumt. Die knapp 200 AktivistInnen, die noch während der Nacht die Besetzung aufrecht erhalten hatten, haben gegen kurz vor sieben Uhr die Räumlichkeiten friedlic…